YVON CHABROWSKI

Mission der Körper Die Pose ist zum Signum der Gegenwart geworden. Sie ist das Universalzeichen, das sich als Chiffre der (auferzwungenen) Selbstdarstellung einer Ikonographie der Macht verschrieben hat. Die Ordnung der Posen entzieht der Wirklichkeit ihre Prozeßhaftigkeit und Veränderbarkeit und lässt sie in privilegierten Formelementen erstarren. Das Privileg selbst ist oftmals im Außerhalb begründet: Eine höhere theokratische, politische oder symbolische Gewalt legt fest, welches Ritual, welche Posen für welchen Körper auserwählt werden: Mission der Körper.

In der Arbeit von Yvon Chabrowski wird eine Art Wiederaufführung von Posen geprobt. Ausgangspunkt ist eine Sammlung von Pressebildern: Eine Gruppe von Vermummten umkreist mit martialischen Gebärden und Waffen vor ihnen kniende Gefangene. Die Arbeit ENTFÜHRUNG reinsziniert eine solche für die Zirkulation in Massenmedien choreographierte Szene. Die Anordnung im Foto fügt sich der etablierten Form, doch diese erfährt zugleich ein Zurücknehmen, ein In-Beziehung-setzen der Pose zu dem ihr Vorgängigen, dem individuellen Körper. Die Gruppe der Gewalttäter sind ohne Verkleidung, ohne Maske und ohne Waffen, also ohne Schutz aufgestellt, es sind zwei Frauen und ein Mann in Alltagskleidung, ihre Individuierung, also ihre Vermenschlichung gelingt für die Betrachtung trotz Posen und fotografischer Starre.
Sie erzählen nicht viel, ausser vielleicht, dass sie Einzelne sind, in der Demaskierung einen vieldeutigen Ausdruck zu haben vermögen, eben Subjekt und nicht System sind. Man könnte in diesem Bild eine Art epistemische Tugend von Kunst herauslesen: Die Arbeit praktiziert ein notwendiges, das Pose-Sein korrigierendes replacement, ein Ersetzen oder Austauschen von Rolle und Körper, von Vorbild und Selbstbild. Nunmehr repräsentieren die Täter nicht exklusiv eine Idee, sondern – im Dazwischen von Macht und Affekt – auch sich selbst. Mission der Körper. Dieses Vorgehen provoziert neue, andere Fragen, eine sinnvolle Reperspektivierung von Träger und Botschaft. Dass der zweite Teil der Arbeit ein Erdloch, das Erdloch zeigt, letztes Versteck, also letzter Schutzraum eines Führers, ist konsequent. Schließlich dürfte auch dieser Tausch, Ortstausch denjenigen, der sich ihm in Hilflosigkeit und Angst unterwarf, auf sich selbst zurückgeworfen haben.

Marc Ries, Juli 2007